Hier einige Leseproben:
Pfauenschweif
Einst hatt‘ ich einen Pfauenschweif,
der war sehr bunt und schön;
durch Türen kam ich damit nicht,
ich konnte nicht mal gehn.*
So lang war das Gefieder,
der Rücken tat mir weh;
es zog und zerrte schwer an mir
vom Krönchen bis zum Zeh.
Dann hatte ich es einfach satt
und war besonders schlau:
Ich warf die Federn einfach ab
und wurde so zur Frau.
Als Transpfau lebte ich fortan,
war glücklich und gesund –
denn glaubt mir, auch im Pfauenreich
ist so das Leben bunt!
*Clemens J.Setz „Der Pfau“ mit der Bitte um Fortsetzung
Bekommt Deutschland eine neue Staatsform?
Aufgrund anhaltender Sorge um diverse Verluste von positivem Heimatgefühl geht eine Initiative von der Bayerischen Landesregierung aus, spätestens mit Ablauf der Amtszeit des nächsten Bundespräsidenten in Deutschland die Monarchie wieder einzuführen. Nach ersten Umfragen auf Facebook und Instagram stößt diese Idee bei den Userinnen und Usern auf breite Zustimmung.
Müsste man sich doch nicht mehr mit ausländischen Königen und Königinnen, Prinzen und Prinzessinnen und ihren Skandalen und Messalliancen beschäftigen. Die Zeitschrift „Die Bunte“ startet eine erste Kampagne, um für die neue Staatsform zu werben und die Bildzeitung fordert bereits „Wann sind wir König?“ Da die in Frage kommenden Adelshäuser seit November 1918 in Deutschland sträflich vernachlässigt worden sind, schlägt das Land Nordrhein-Westfalen, unterstützt von Hessen und Braunschweig vor, die Karnevalsprinzen und Funkenmariechen in einen ehrlichen Wettstreit um die Inthronisierung des neuen Königshauses treten zu lassen. Berlin merkt an, im Schloss Bellevue stünde bereits eine adäquate Behausung zur Verfügung, was von Brandenburg heftig bestritten wird, da Sanssouci eine weit würdigere Tradition hätte. Doch dazu melden mehrere Tierschutzorganisationen Bedenken an, schließlich seien dort – außer Friedrich dem Großen – noch mehrere Hunde begraben, deren Totenruhe durch den spielenden royalen Nachwuchs gestört werden könnte.
Scharfe Kritik kommt von der Opposition. Während SPD und die Linke von purer Geldverschwendung und den Errungenschaften der Abschaffung der Adelsprivilegien sprechen, appellieren die Liberalen an die wirtschaftliche Eigenverantwortung der freien Presse. Sie sehen eine Verletzung der Gesetze der freien Marktwirtschaft, wenn die Regenbogenpresse auf diese Art übersubventioniert würde, indem man ihr unendlich viele neue Berichte über Liebschaften, Schwangerschaften und tragische Ereignisse im neuen Königshaus ermöglicht.
Bei den Grünen ist die Meinungsbildung noch nicht abgeschlossen, stehen sich doch umweltfreundliche Kutschfahrten einerseits und verschwenderische Repräsentationspflichten in aller Welt bei königlichen Einladungen per Flugzeug andererseits im Augenblick noch unversöhnlich gegenüber.
Sarah Wagenknecht (BSW) soll einen professionellen Ahnenforscher beauftragt haben, nach etwaigen Adligen in ihrer weiteren Verwandtschaft zu suchen.
Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) widerspricht deutlich Ministerpräsident Heinrich Wüst (CDU), Karnevalsprinzen einzusetzen. Gewöhnlich gut informierte Kreise aus seinem Umfeld bestätigen, dass er selbst mit der Königswürde und einem Wohnsitz in Schloss Neuschwanstein liebäugle.
In den Tagen zwischen den Jahren tagen Sonderausschüsse, um sich des Themas anzunehmen, eine entsprechende Komission einzusetzen und um in einer Klausurtagung schon mal eine dem Anlass würdige Krone zu basteln.
Das Deichschaf
Ein Deichschaf steht am Weidezaun,
ist stets von der Elbe getrennt;
kann ausschließlich hier nach Schiffen schau‘n,
es nur diesen Flussabschnitt kennt.
Ist stets von der Elbe getrennt –
weiß nichts von Mündung und Quelle;
da es nur einen Flussabschnitt kennt,
ist die ganze Welt diese Stelle.
Weiß nichts von Mündung und Quelle –
es gibt kein woher und wohin,
denn ist die Welt eine Stelle,
erschließt sich kein höherer Sinn.
Gibt es kein woher und wohin
und kann man nach Schiffen nur schau‘n,
erschließt sich kein höherer Sinn –
für Deichschafe am Weidezaun.
Herausforderungen
Was
dem Einen
erst Alpha ist
bedeutet dem Andern schon
Omega
