Leseproben

Hier einige Leseproben:

Pablo Neruda fragt: 
Ist die 4 immer eine 4?
Sind alle Siebenen sich gleich?

Es geschah zu der Zeit, da der Jahreslauf noch an großen Ereignissen gemessen wurde, als Chaleb durch die schattige Gasse der Schuhmacher schlenderte und bereits das vielfältige Geschrei des großen Viehmarktes hörte, der jedes Jahr ab dem zweiten Freitag nach dem Herbstmond stattfand. Er seufzte. Wie gerne hätte er sich dort einen Esel gekauft, der ihm das Tragen der Lasten, die er täglich zu den verschiedensten Kunden schleppte, erleichterte. Seine Knochen waren nicht mehr die jüngsten und langsam spürte er auch, dass seine Muskelkraft ein klein wenig erlahmte. Aber wie sollte er sich ein Tragetier leisten? Sie waren viel zu teuer. Meist wollten die Viehhändler, die nie zufrieden waren, bevor sie einen Käufer nicht ordentlich über den Tisch gezogen hatten, mindestens sieben Goldstücke für ein passables Tier. Chaleb wusste auf den Silberling genau, wieviel Geld sich in seiner kleinen Geldkatze verbarg, die er unter dem Lederwams trug. Es waren keine sieben Goldstücke!
Er bog um die letzte Ecke der kleinen Gasse und sofort zog diese ganz besondere Luft, die so ein großer Markt hervorzaubert, in seine Nase. In die Gerüche von Tieren, Schweiß, Kot und Urin mischten sich die Düfte der Gewürzhändler, Obst- und Gemüsebäuerinnen, Kräuterfrauen, der Fladen- und Zuckerbäcker und der zahlreichen Küchenstände, in denen die Köche gerade jetzt, eine Stunde vor Sonnenuntergang, alle Hände voll zu tun hatten – wollten sich doch viele Besucher, aber auch die Händler, den Bauch vollschlagen, bevor sie sich in ihre Häuser, Hütten oder Zelte zurückzogen.
Es herrschte ein unglaublicher Lärm, denn Handel – und was ist ein Geschäft ohne geschicktes Handeln – muss, einem geheimnisvollen Naturgesetz zufolge, immer sehr laut vor sich gehen.
Eine Stimme allerdings stach besonders hervor.
„Sieben ist sieben!“, schnarrte eine metallene Stimme.
Chaleb blickte hinüber. Die Stimme gehörte zu einem fetten Glatzkopf in grellroten Pluderhosen und einem ebenso grellleuchtend gelben langen Überrock, der von einem breiten Gürtel zusammengehalten wurde und passte eigentlich gar nicht zu seiner Figur. Dieser Mann war ihm auf Anhieb unsympathisch mit seinem hochroten Gesicht und seiner abweisenden Miene. Chaleb wollte schnell weitergehen, da spürte er, dass ein Blick auf ihn gerichtet war. Er sah sich um und entdeckte eine schmächtige kleine Eselin, die an der Seite des Verkaufspferchs des Dicken angebunden war. Chaleb wollte es als Zufall abtun und wandte sich zum Gehen. Doch er schaute nochmals über die Schulter und wieder sah ihn die Eselin mit großen, freundlichen – und wie er fand – klugen Augen an. Über sich selbst verwundert, drehte er sich zu dem Händler um und fragte nach dem Preis für das kleine Tier.
„Vier!“
„Vier was?“
„Na, vier Goldstücke natürlich.“ Chaleb schluckte.
„Aber die Eselin ist sehr klein. Könntet ihr nicht …?“


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Pablo Neruda fragt:
Fliegt wirklich über meinem Land
tiefnachts ein schwarzer Kondor?

Sie war so still und so ganz und gar einzigartig – diese geschenkte freie Nacht, als sie, in eine alte, doch warme Decke gehüllt, in einem rostigen weggeworfenen Liegestuhl lag und in den Himmel blickte, in welchem Halbmond und Sterne sich das Licht geschwisterlich teilten.
Racki, Simon, Wolle und Tilda hatten sich in die Innenstadt begeben, um den Samstagsbetrieb auszunützen; an solchen vorweihnachtlichen Einkaufstagen saß das Geld lockerer und das Schnorren war leichter.
Sie hatte am Tag zuvor unverhofft zwei 20-Euro-Scheine in die Schale geworfen bekommen und konnte sich erlauben, einmal freizumachen und war außen geblieben am winterlich verlassenen Ostseestrand.

   Und als sie so dalag, kam ihr ein Song aus ihrer jungen, wilden Zeit von Simon and Garfunkel in den Sinn: „El condor pasa“. Sie hatte sich nie um den eigentlichen Text gekümmert, sondern sich immer vorgestellt, nachts würde ein großer unendlich schöner dunkler Vogel über ihr Haus fliegen und sie in ihren Wohnungen beschützen, sie und alle anderen Kinder, die beengt in zu kleinen Zimmern in den zehn Stockwerken hausten und sich oft fürchteten, wenn der Vater wütend nach Hause kam, ihre Eltern stritten oder gar in der Kneipe zwei Blöcke weiter alles vergaßen und nach der Sperrstunde weiter- und immer weiterzogen, bis sie betrunken irgendwo ihren Rausch ausschliefen.
Auch stellte sie sich damals vor, dass der Vogel sie unsichtbar machte für die Gang der Nachbarjungen, die ihr auflauerten, um ihr zuerst das Pausenbrot zu klauen und anschließend das T-Shirt zu zerreißen, wenn sie kein Geld bei ihr fanden. Und natürlich unsichtbar für die Lehrer, wenn sie mal wieder keine Hausaufgaben gemacht hatte.

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Pablo Neruda fragt:
Wie sollen wir den Wolken danken
für dieses flüchtige Gebausche?

Ich möcht’ so gern den Wolken danken
für ihr so flüchtiges Gebausche,
wenn sie dort jagen ohne Schranken
in grau-weiß-rotem schnellen Rausche.

Möcht euch sagen, dass mein Herz
in Phantasie sich weitet,
sobald mein Auge himmelwärts
über eure Formen gleitet.

Besteht aus Nebel, schwebend feucht,
dräuend, flauschig, heiter, scheu –
nie seid ihr gleich; erfindet euch
in jedem Augenblicke neu.

Steht manchmal still, ganz grau in grau –
so bringt ihr leisen Regen,
verzichtet auf die Himmelsschau –
Mensch und Natur zum Segen.

Doch spielt mit euch der wilde Wind
und ihr seid seine Braut,
seht ihr vielleicht das Menschenkind,
wie es verzückt nach oben schaut.


Herausforderungen

Was

dem Einen

erst Alpha ist

bedeutet dem Andern schon

Omega


Brief an die Welt

Liebe Welt, 

wir müssen mal reden. Nein, nicht über Krieg und Schlechtigkeit, nicht über Abgründe und Katastrophen. Davon reden andere – jeden Tag und mit Recht. Ich spreche heute mit dir über deine verschwenderische Fülle an Verführungen, die täglich (und manchmal will mir scheinen nur für mich) von dir bereitgehalten werden. 
Beginnst du nicht schon morgens, wenn der Wecker klingelt? 
Diese kuschliche Wärme, aufgebaut von flauschigen Daunen in der Nacht! Dieses Lied des leisen Regens am Fenster, der „bleib‘ daheim, bleib daheim“ ans Fenster klopft. Ganz zu schweigen von IHM neben mir, der just an jenem Morgen beschlossen hat, seine Überstunden abzufeiern und sich, im Halbschlaf wohlig grunzend, an meine Seite schmiegt? Sag‘ nicht, du wüsstest nicht, welche Disziplin es erfordert, seufzend dieses Idyll zu verlassen und sich unter die kalte Dusche zu begeben. 
Hast du Welt, diesen ersten Kampf gegen mich verloren, beginnst du, weitere kleine Boshaftigkeiten in den Weg zu streuen. Natürlich stehen Kräutertee und Müsli wartend in den Küchenschränken, doch wie oft ist Westwind und die Düfte des Bäckers mit Frühstücksangebot von gegenüber wehen ungefiltert herein? Allerlei Brötchen, knusprige Croissants, Rührei mit Speck und ja, seit Neuestem ahornsiruptriefende Pancakes? Nicht zu vergessen Orangensaft und Latte Macchiato! Schon zweimal richtig Arbeit, deinen Verführungen zu widerstehen. Wenn ich glaube, auf dem Weg ins Büro sei Ruhe, weit gefehlt. Eine neue Boutique hat direkt neben der Bushaltestelle eröffnet, im Schaufenster Blusen, Hosen und – ich sage dir – Jacken. Am Verführerischsten sind die Jacken, denn ich und Jacken … das ist schlimmer noch als Schuhe. 
Im Büro nun beginnt ein Dauerkampf, denn wie von ungefähr stapeln sich in der unteren Schublade Schokoriegel, Gelee-bananen und Gummibärchen – ach ja! Muss ich dir sagen, dass es sich eingebürgert hat, dass, wenn jemand Geburtstag hat, Kuchen und Torten immer größere und schlagsahnigere Formen annehmen? Mittags in der Kantine gibt es – ja, auch Salat. Der sieht immer sehr gesund aus. 
Am Nebentisch lacht das Schnitzel … 
Am Nachmittag, oh du böse Welt, fährst du dein schwerstes Geschütz auf. So schwer, dass es bis in den Abend hineinreicht. 
Monatskonferenz. Und neben mir sitzt der neue Kollege aus der Kreativabteilung. Dass er geradezu unverschämt gut aussieht mit seinem kantigen Kinn und den dunkelbraunen Locken, ginge ja noch. Wenn er sich über den Tisch beugt … dieser Knackpo … je nun. Aber diese Stimme. 
Sonor, fast ein bisschen rauh … und das, was er sagt, ist auch noch gescheit! 
Nach einer von mir eingebrachten Idee hat er mir zugezwinkert und gemeint, wir müssten diese Gedanken vertiefen … er kenne da eine Cocktailbar …ein Hauch von Sandelholz weht zu mir herüber … 

Liebe Welt, ob ich zu dieser Verführung „ja“ oder „nein“ gesagt habe, umhülle ich mit dem Mantel des Geheimnisses. 

Mit verführten Grüßen

deine Weltbewohnerin


Das Deichschaf

Ein Deichschaf steht am Weidezaun,
ist stets von der Elbe getrennt;
kann ausschließlich hier nach Schiffen schau‘n,
es nur diesen Flussabschnitt kennt.

Ist stets von der Elbe getrennt –
weiß nichts von Mündung und Quelle;
da es nur einen Flussabschnitt kennt,
ist die ganze Welt diese Stelle.

Weiß nichts von Mündung und Quelle –
es gibt kein woher und wohin,
denn ist die Welt eine Stelle,
erschließt sich kein höherer Sinn.

Gibt es kein woher und wohin
und kann man nach Schiffen nur schau‘n,
erschließt sich kein höherer Sinn –
für Deichschafe am Weidezaun.

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